Biologisch wirksames Licht (Human Centric Lighting): Lichtwirkung auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit
- Inhaltsverzeichnis:
- Anforderungen an biologische Lichtwirkung im Büro
- Tageslicht und seine Bedeutung für den Tag-Nacht-Rhythmus
- Biorhythmus, Licht und Melatonin
- Der Blauanteil im Licht und die Melatoninregulation
- Forschung zu Lichtsteuerung und Lebensqualität
- Biologische Lichtwirkung am Arbeitsplatz
- Kriterien für biologisch wirksames Licht
- Biologische Lichtwirkung durch Licht von oben und von vorne
- Dynamische Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke
- Biologisch wirksames Licht und Energieverbrauch
- Offene Fragen bei biologisch wirksamem Licht
- Individuelles Licht: Menschen und Arbeitsumgebungen unterscheiden sich
- Fazit
- Regelwerke und Informationen
Licht beeinflusst nicht nur das Sehen, sondern auch den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen. Erkenntnisse über diese sogenannten nichtvisuellen Lichtwirkungen werden zunehmend bei der Planung moderner Beleuchtungskonzepte berücksichtigt. Biologisch wirksames Licht, häufig auch als Human Centric Lighting (HCL) bezeichnet, orientiert sich unter anderem am natürlichen Verlauf des Tageslichts. Dabei können Beleuchtungsstärke, Lichtverteilung, spektrale Zusammensetzung und Farbtemperatur im Tagesverlauf verändert werden.
Licht mit höheren Blauanteilen kann – abhängig von Intensität, Zeitpunkt, Dauer und individueller Reaktion – Wachheit und Aufmerksamkeit beeinflussen. Wärmere Lichtfarben mit geringeren Blauanteilen können insbesondere am Abend eine weniger aktivierende Lichtwirkung unterstützen.
Durch Forschung zur inneren Uhr und zum Einfluss von Licht lassen sich Beleuchtungskonzepte heute differenzierter auf unterschiedliche Nutzungssituationen abstimmen. Dabei geht es nicht nur um gute visuelle Bedingungen für Tätigkeiten wie Lesen oder Arbeiten am Bildschirm, sondern auch um die Berücksichtigung nichtvisueller Lichtwirkungen. Die Forschung auf diesem Gebiet entwickelt sich kontinuierlich weiter. Erkenntnisse werden unter anderem bei der Planung von Beleuchtung in Büros, Schulen, Krankenhäusern und anderen Bereichen mit längeren Aufenthaltszeiten berücksichtigt.
Anforderungen an biologische Lichtwirkung im Büro
Für die nichtvisuelle Wirkung von Licht spielen verschiedene Faktoren zusammen. Dazu gehören insbesondere:
- die Richtung und Verteilung des Lichts,
- die Beleuchtungsstärke am Auge,
- die spektrale Zusammensetzung des Lichts,
- die Dauer der Lichtexposition,
- der Zeitpunkt der Beleuchtung,
- die individuelle Empfindlichkeit der Personen.
Für eine gezielte Lichtplanung kann es sinnvoll sein, Licht großflächig von oben und von vorne bereitzustellen und Beleuchtungsstärke sowie Farbtemperatur im Tagesverlauf anzupassen. Für Büroarbeitsplätze werden je nach Konzept und Nutzung unterschiedliche Beleuchtungsstärken eingesetzt. Bei biologisch wirksamen Beleuchtungskonzepten kann zusätzlich die melanopische Lichtwirkung am Auge berücksichtigt werden.
Ein solches Konzept lässt sich in der Regel nicht allein über eine einzelne Leuchte umsetzen. Tageslichteinfall, Raumgeometrie, Oberflächen von Wänden und Möbeln, Sehaufgabe und individuelle Anforderungen der Beschäftigten sollten in die Planung einbezogen werden. Schreibtisch- und Stehleuchten können ein Gesamtkonzept ergänzen und insbesondere der individuellen Sehaufgabe dienen.
Tageslicht und seine Bedeutung für den Tag-Nacht-Rhythmus
Der natürliche Wechsel von hell und dunkel ist ein wichtiger Zeitgeber für die innere Uhr des Menschen. Helligkeit am Morgen und während des Tages kann Wachheit und Aktivität beeinflussen. Dunkelheit am Abend unterstützt dagegen die natürlichen Abläufe des Schlaf-Wach-Rhythmus.
Viele körperliche Prozesse stehen mit diesem Tag-Nacht-Rhythmus in Zusammenhang. Dazu gehören unter anderem hormonelle Prozesse, Herz-Kreislauf-Aktivität und Schlaf-Wach-Regulation. Wer einen großen Teil des Tages in Innenräumen verbringt, ist stärker von künstlicher Beleuchtung abhängig. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei der Lichtplanung sowohl die visuellen als auch die nichtvisuellen Wirkungen von Licht zu berücksichtigen.
Biorhythmus, Licht und Melatonin
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden lichtempfindliche Ganglienzellen in der Netzhaut genauer beschrieben. Diese sogenannten intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen, kurz ipRGCs, sind an der Steuerung der inneren Uhr beteiligt. Sie reagieren besonders auf bestimmte Bereiche des sichtbaren Lichtspektrums und beeinflussen unter anderem Prozesse, die mit der Melatoninausschüttung und dem Schlaf-Wach-Rhythmus verbunden sind. 2017 wurde der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für Forschungsarbeiten zu den molekularen Mechanismen der inneren Uhr verliehen.
Der Blauanteil im Licht und die Melatoninregulation
Die nichtvisuelle Wirkung von Licht hängt unter anderem von seiner spektralen Zusammensetzung ab. Licht mit höheren Anteilen im blauen beziehungsweise cyanfarbenen Spektralbereich kann die Melatoninausschüttung stärker beeinflussen als Licht mit geringeren Anteilen in diesem Bereich.
Natürliches Tageslicht verändert seine Intensität und spektrale Zusammensetzung im Verlauf des Tages. Daran hat sich der menschliche Tag-Nacht-Rhythmus über lange Zeit angepasst.
Bei künstlicher Beleuchtung kann versucht werden, bestimmte Aspekte dieses natürlichen Verlaufs aufzugreifen. Tagsüber können höhere Beleuchtungsstärken und höhere Blauanteile eine stärker aktivierende Lichtwirkung unterstützen. Am Nachmittag und Abend können niedrigere Beleuchtungsstärken und wärmere Lichtfarben eingesetzt werden. Die konkrete Wirkung hängt jedoch immer von mehreren Faktoren ab, darunter Zeitpunkt, Dauer, Intensität und individuelle Empfindlichkeit.
Forschung zu Lichtsteuerung und Lebensqualität
Die Wirkung von Licht wird seit Jahren in unterschiedlichen Anwendungsbereichen untersucht. Dazu gehören beispielsweise Pflegeeinrichtungen, Schulen, Arbeitsplätze, Sport und Bereiche mit besonderen Arbeitszeiten. Einzelne Studien berichten positive Effekte unter bestimmten Bedingungen. Gleichzeitig bestehen weiterhin offene Fragen, insbesondere zur langfristigen Wirkung und zur Übertragbarkeit von Laborergebnissen auf unterschiedliche Alltagssituationen. Deshalb sollten einzelne Studienergebnisse nicht pauschal auf alle Personen oder Einsatzbereiche übertragen werden.
Biologische Lichtwirkung am Arbeitsplatz
Auch bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen kann die nichtvisuelle Lichtwirkung berücksichtigt werden. Dynamische Beleuchtungssysteme ermöglichen es beispielsweise, Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur im Tagesverlauf anzupassen. Dabei kann morgens eine andere Lichteinstellung gewählt werden als am Nachmittag oder Abend.
Ziel solcher Konzepte ist es, visuelle Anforderungen und nichtvisuelle Lichtwirkungen sinnvoll miteinander zu verbinden. Welche Auswirkungen eine bestimmte Beleuchtung auf Wachheit, Konzentration, Wohlbefinden oder Schlaf hat, hängt von zahlreichen individuellen und situativen Faktoren ab. Allgemeingültige Wirkungen lassen sich deshalb nicht für jede Person und jede Anwendung vorhersagen.
Kriterien für biologisch wirksames Licht
Die grundlegenden Anforderungen an eine geeignete Arbeitsplatzbeleuchtung bleiben auch bei Human Centric Lighting bestehen.
Dazu gehören insbesondere:
- eine zur Sehaufgabe passende Beleuchtungsstärke,
- eine möglichst gleichmäßige Lichtverteilung,
- die Begrenzung störender Blendungen und Reflexionen,
- geeignete Lichtfarben,
- eine ausreichende Farbwiedergabe,
- möglichst geringe störende Flimmer- und Flickereffekte.
Biologisch wirksame Beleuchtung ergänzt diese klassischen Anforderungen um die Betrachtung nichtvisueller Lichtwirkungen. Die Planung ist entsprechend komplex. Tageslichteinfall, Raumoberflächen, Nutzungszeiten, Arbeitsaufgaben und individuelle Unterschiede der Beschäftigten sollten möglichst früh in die Lichtplanung einbezogen werden.
Biologische Lichtwirkung durch Licht von oben und von vorne
Für nichtvisuelle Lichtwirkungen ist insbesondere relevant, wie viel Licht das Auge tatsächlich erreicht. Großflächige Lichtquellen von oben und vorne können dazu beitragen, entsprechende Beleuchtungsstärken am Auge zu erzeugen. Dafür können beispielsweise Deckenleuchten oder indirekte Beleuchtungssysteme eingesetzt werden, die Decken und obere Wandbereiche aufhellen. Tisch- und Arbeitsplatzleuchten ergänzen solche Konzepte insbesondere für die eigentliche Sehaufgabe. Am Abend kann eine geringere nichtvisuelle Lichtwirkung sinnvoll sein. Dazu können Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur entsprechend angepasst werden.
Dynamische Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke
EBei dynamischen Beleuchtungssystemen können Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur im Tagesverlauf verändert werden. Höhere Beleuchtungsstärken und höhere Blauanteile können zu einer stärker aktivierenden Lichtwirkung beitragen. Wärmere Lichtfarben mit geringeren Blauanteilen können dagegen insbesondere am Abend eine weniger aktivierende Beleuchtung ermöglichen.
Welche Einstellungen sinnvoll sind, hängt unter anderem von Tageszeit, Nutzungsdauer, Tageslichteinfall und den individuellen Anforderungen der Nutzer ab. Neben der horizontalen Beleuchtungsstärke auf der Arbeitsfläche spielt bei der Betrachtung nichtvisueller Lichtwirkungen insbesondere die vertikale Beleuchtungsstärke am Auge eine Rolle.
Auch bei biologisch orientierten Beleuchtungskonzepten müssen die Anforderungen der jeweiligen Sehaufgabe weiterhin erfüllt werden. Räume, in denen sich Menschen über längere Zeit aufhalten, können sich besonders für dynamische Lichtkonzepte eignen. Dazu gehören beispielsweise Büros, Konferenzräume oder Aufenthaltsbereiche.
Biologisch wirksames Licht und Energieverbrauch
Biologisch orientierte Lichtkonzepte können zeitweise höhere Beleuchtungsstärken erfordern. Das kann – abhängig von der eingesetzten Anlage und der Betriebsdauer – zu einem höheren Energieverbrauch führen. Deshalb sollte der Energiebedarf bei der Planung berücksichtigt werden. Moderne Beleuchtungsanlagen können durch effiziente Lichtquellen und bedarfsgerechte Steuerung den Energieverbrauch beeinflussen. Dazu können beispielsweise Präsenzsensoren, Tageslichtsteuerungen und zeitabhängige Lichtregelungen eingesetzt werden.
Wie hoch eine mögliche Einsparung oder ein zusätzlicher Energiebedarf tatsächlich ausfällt, hängt von der vorhandenen Anlage, der Nutzung, den Betriebszeiten, der Raumgestaltung und der eingesetzten Steuerungstechnik ab. Eine pauschale Aussage zur Energieeffizienz eines Human-Centric-Lighting-Konzeptes ist daher nicht sinnvoll.
Allerdings bezieht sich das in erster Linie auf komplett neu und ganzheitlich installierte Lichtanlagen.
Offene Fragen bei biologisch wirksamem Licht
Die Grundlagenforschung zur nichtvisuellen Wirkung von Licht ist weit fortgeschritten. Für konkrete Anwendungen und insbesondere für langfristige Wirkungen in realen Arbeits- und Lebenssituationen besteht jedoch weiterhin Forschungsbedarf. Dabei werden nicht nur mögliche positive Effekte betrachtet, sondern auch potenzielle Risiken. Besonders relevant ist beispielsweise die Frage, wie Licht bei Nacht- und Schichtarbeit eingesetzt werden sollte. Licht zur falschen Zeit kann den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus beeinflussen. Deshalb sollte biologisch wirksame Beleuchtung nicht ausschließlich mit dem Ziel eingesetzt werden, Wachheit oder Leistungsfähigkeit möglichst stark zu erhöhen. Eine geeignete Planung sollte vielmehr Tageszeit, Nutzungsdauer, individuelle Unterschiede und mögliche Auswirkungen auf den Schlaf-Wach-Rhythmus berücksichtigen.
Individuelles Licht: Menschen und Arbeitsumgebungen unterscheiden sich
Die Anforderungen an Beleuchtung sind individuell verschieden.
Zu den relevanten Faktoren gehören unter anderem:
- Alter,
- Sehvermögen,
- Sehaufgabe,
- Tageslichteinfall,
- Jahreszeit,
- Tageszeit,
- individueller Chronotyp,
- Raumgeometrie,
- Farben und Reflexionseigenschaften von Oberflächen.
Sind mehrere Personen gemeinsam in einem Raum tätig, können sich unterschiedliche Anforderungen ergeben. Deshalb lassen sich biologisch orientierte Beleuchtungskonzepte nicht ohne Weiteres auf eine einzige für alle Personen optimale Einstellung reduzieren. Individuell anpassbare Beleuchtung kann hier zusätzliche Möglichkeiten bieten. Gleichzeitig sollte die Bedienung so gestaltet sein, dass die Nutzer nicht dauerhaft selbst komplexe Einstellungen vornehmen müssen.
Fazit
Biologisch wirksame Beleuchtung berücksichtigt neben den klassischen visuellen Anforderungen auch die nichtvisuelle Wirkung von Licht. Durch die Anpassung von Beleuchtungsstärke, Lichtverteilung und Farbtemperatur können Lichtbedingungen im Tagesverlauf gezielt verändert werden. Mögliche Auswirkungen auf Wachheit, Aufmerksamkeit, Wohlbefinden und Schlaf-Wach-Rhythmus werden intensiv wissenschaftlich untersucht. Die konkrete Wirkung hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab und kann individuell unterschiedlich ausfallen. Human Centric Lighting sollte deshalb als Bestandteil eines ganzheitlichen Licht- und Raumkonzeptes betrachtet werden. Bei Neubauten oder umfassenden Sanierungen kann es sinnvoll sein, entsprechende Lösungen bereits in einer frühen Planungsphase zu berücksichtigen.
Regelwerke und Informationen
Auch mit biologisch wirksamer Beleuchtung behalten die bisherigen Anforderungen für Licht am Arbeitsplatz ihre Gültigkeit. Die DIN EN 12464-1 und die ASR A3.4 zum Beispiel geben Informationen für eine gute Beleuchtungsqualität.
Soll das Licht zusätzlich noch biologisch wirksam sein, findet man Planungsempfehlungen zu Beleuchtungslösungen dazu in der DIN/TS 67600:2022-08 sowie in der DIN/TS 5031-100:2021-11 (Strahlungsphysik im optischen Bereich und Lichttechnik). In licht.wissen 19 von licht.de finden Sie den aktuellen Wissensstand sowie Informationen zu den Normen ausführlich und verständlich beschrieben.
Quellen, wenn nicht bereits genannt: DIN/TS 67600, Stand August 2022, licht.wissen 19 von licht.de.
Publikation zum aktuellen wissenschaftlichen Stand: https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3001571
Weitere Literatur/Empfehlungen zur Einrichtung Homeoffice:
https://www.dguv.de/de/mediencenter/pm/pressearchiv/2021/quartal_1/details_1_418510.jsp
https://www.licht.de/de/lichtthemen/moderne-arbeitswelten/beleuchtung-im-homeoffice